Schön wär’s, die Zeit zurück drehen zu können und in jener Epoche zu landen, als Songs noch unschuldig und Interpreten noch unbelastet schienen. Bis zur Erfindung der Zeitmaschine wird man sich jedoch mit einem Gefühl vom Ende der Musikgeschichte befassen müssen. Längst scheinen ja alle Geschichten erzählt, alle Songs grandios durchleuchtet – längst ist Musikgeschichte eine durch Referenzaufnahmen strahlende Einschüchterung, von der sich abzugrenzen, erheblichen Phantasieaufwand erfordert.
Hört man Susanna Ridlers Album [koe:r], wird man bemerken, dass ein gangbarer Weg aus diesem Dilemma im fusionierenden Zugang zu bestehenden Stilen liegen könnte. In ihren eigenen Stücken entwirft Ridler am Computer artifizielle Klanglandschaften, die sie mit (von ihr) remixten Soli hochkarätiger Musiker wie Peter Herbert (Kontrabass), Wolfgang Puschnig (Saxofon & Flöte), Thomas Gansch (Trompete & Flügelhorn), Helmut Jasbar (Gitarre) und Rainer Deixler (Drums) kombiniert.
Die CD [koe:r]: Eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit Elektronik, Pop und Jazz, die eine dem Trip Hop der späten 90er Jahre ähnlichen melancholisch-downbeatigen Klangcharakteristiken nutzt.
Selbst aufgenommenes Audiomaterial trifft auf die Möglichkeiten, die der Computer bietet – mit all seinen Methoden wie Sampling, Verfremdung, Timestretching, Pitchbending, etc. So finden sich auch Songs wie Summertime, Fever, Comes Love und Corcovado undogmatisch auf eine überraschend neue Ebene gehoben – zumal die alten Hadern einerseits für sie ungewöhnliche Stilkleider tragen und andererseits eine Interpretation erfahren, die an Neukomposition grenzt.
Schließlich die Stimme von Susanna Ridler. Auch sie wird zum mitunter verfremdeten Element in einer Polyphonie der musikalischen Ideen. Zum Teil einer musikalischen Mehrschichtigkeit innerhalb von Songs, die Emotion und gestaltenden Intellekt versöhnen.
[koe:r] ist damit Ridlers erste Bilanz einer konsequenten Entwicklung, die 2003 als Insider-Tipp unter dem Namen „tristan“ mit dem Projekt „Summertime“ bei Universal Music begann.
Zu Peter Herbert: „Ich hatte längst genügend Material für eine CD, aber es fehlte etwas. Peter Herbert, den ich aus gemeinsamen früheren Theaterarbeiten (Nathan der Weise 1991, Kassandra/Bachmann 2001) kannte, hauchte meinem bewusst artifiziell angelegten Material gleichsam Ambivalenz, also akustisches Leben ein. Das, bzw er war mein Missing Link! – und das Ergebnis unserer Zusammenarbeit, inspirierte mich weitere Solisten einzuladen."
Zu Wolfgang Puschnig: Es war beeindruckend – Wolfgang Puschnig erschafft Melodien aus dem Nichts! Wir nahmen Soli über bestimmte Teile von Songs auf und verdoppelten die Melodie der Synth-Spur und meiner Stimme. Als ich die fertig geschnittenen Soloteile anhörte, verschob ich einzelne Song-Passagen, um Wolfgangs „melodischer Gedanken“ mehr Platz zu geben. „Mexico“ bekam so seine ungewöhnliche und spannende Struktur. Wenn man so arbeitet, muss man auch lernen loszulassen, sich von ursprünglichen Ideen zu trennen, damit was Neues entstehen kann“.
Zu Thomas Gansch: „Ich hatte bei Summertime einige Sequenzen zur freien Improvisation, andere Passagen fixiert festgelegt und versuchte die altehrwürdige Songstruktur zu sprengen. Ganschs’ inspirierte Improvisationen lieferten grossartiges Material, das ich mich aus Respekt zuerst kaum schneiden traute. Ich hoffe, mir ist aber letztlich eine Version gelungen, die gleichermassen respektvollen Umgang mit den Orginalaufnahmen als auch Ausgewogenheit im Gesamten zeigt“.
Zu Helmut Jasbar: „Jedes Instrument braucht einen neuen Zugang, man beginnt immer bei Null. Bei den Aufnahmen mit Helmut Jasbar haben wir zunächst mit dem Ersetzen eines Gitarren-Samples experimentiert und dann wilde Rocksoli aufgenommen. Letztlich fand ich genau die Kombination von ,schmutzigen‘ Samples und einer sich über sie schwebenden Gitarre spannend“.
Zu Rainer Deixler: „Rainer kam eigentlich „nur" zum Experimentieren vorbei. Ich hatte keine Ahnung, ob ich in meinem Ministudio ein Schlagzeug aufnehmen konnte und ob echte Drums zu meinem Klangbild überhaupt passen würden. Aber es entwickelte sich gut. Rainer hat einfach drauflos gespielt, ich habe einfach alles aufgenommen. Aus dieser Session konnte ich dann schönes Material in vier Songs einarbeiten“.
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